Ein Freund - unschuldig zum Tode verurteilt

Ein Kommentar von Petra E. Richter

"Die USA sind doch weit weg!" - "Was geht es uns an, wenn sie dort Menschen zum Tode verurteilen und hinrichten?"

Oft höre ich genau diese Sätze. Und rein geographisch betrachtet, stimmt es, da gibt es viel Wasser und Land zwischen uns und dem Staat, der Menschen per Gesetz tötet. Obwohl ich mich seit vielen Jahren mit der Todesstrafe beschäftige und Position dagegen bezogen habe, muß ich zugeben, daß sie auch für mich lange Zeit ziemlich weit weg war. Das änderte sich an einem Sonntag Ende September letztes Jahres (Anm. d. Red.: 1998). Es war der 27., an dem die Todesstrafe für mich ein Gesicht bekam, und ich erinnere mich noch so genau an dieses Datum, weil dieser Tag mein Leben auf den Kopf stellte.

Ich hatte gerade meine Homepage gegen die Todesstrafe fertig und surfte ohne genaues Ziel durchs Internet. Durch Zufall fand ich den Link "Jimmy Dennis - innocent sentenced to death" Ok, dachte ich, will mal schauen, wie unschuldig der Unschuldige ist. Dabei dachte ich an den Film "Die Verurteilten", wo jeder behauptete, unschuldig zu sein und an allem sei nur der Anwalt schuld.

Es dauerte kaum fünf Minuten, bis ich von Jimmys Unschuld überzeugt war und kaum länger, daß ich entschied, ihm helfen zu wollen...

Seit diesem Tag gehört die Todesstrafe zu meinem Leben wie für andere Essen, Trinken und Schlafen. Ich leite hier in Deutschland die Kampagne "Gerechtigkeit für Jimmy", gebe die Zeitschrift "Death Row" heraus und seit letzten Sonntag, bin ich Deutschland-Koordinatorin der "Jeff Dicks Medical Foundation". Durch Jimmy ist die Todesstrafe für mich etwas greifbares und nahes. Wir sind mittlerweile enge Freunde geworden, was mich zu einer direkt Betroffenen macht. Ich kann nicht hinnehmen, was ihm tagtäglich angetan wird...

Wie konnte es dazu kommen, daß Jimmy unschuldig in Verdacht geriet?

Jimmy wuchs in dem Teil Philadelphias auf, den er selbst als Ghetto bezeichnet. Aber er hatte allen Grund, optimistisch in die Zukunft zu sehen. Seine Band "Sensation", die er Anfang der 80er Jahre gegründet hatte, stand kurz vor dem Durchbruch. All die Jahre hatten Jimmy und die anderen Bandmitglieder hart dafür gearbeitet, hatten and Musikseminaren teilgenommen und viele Talentwettbewerbe gewonnen. 1991 weckten sie das Interesse von mehreren Platten-Lables, die ihnen einen Vertrag in Aussicht stellten. Jimmys Frau erwartete das zweite Kind, auf das sich beide sehr freuten...

Schlechte Untersuchungsarbeit und Manipulationen durch Polizei und Staatsanwaltschaft in Verbindung mit einem völlig inkompetenten Anwalt an Jimmys Seite, zerstörten diese Zukunft und machten es möglich, daß er für ein Verbrechen zum Tode verurteilt wurde, mit dem er nicht das geringste zu tun hat.

Die Nacht zuvor hatte Jimmy bei seinem Vater übernachtet. Am frühen Nachmittag brachte der Vater ihn zum Bus. Der Bus fuhr um 13.53 Uhr und brauchte eine halbe Stunde bis in das Viertel, in dem Jimmy aufgewachsen war. Er traf einige Freunde, und am Abend sollte dort eine Probe mit der Band stattfinden.

Am gleichen Tag wurde in einem anderen Viertel von Philadelphia um 13.54 Uhr ein 17 jähriges Mädchen erschossen und ihre Ohrringe gestohlen.

Die Polizei von Philadelphia war und ist berüchtigt für Rassismus und Korruption, und die Volksseele kochte, weil ein so junges Mädchen so sinnlos sterben mußte und das am hellichten Tag. Das setzte die Polizei unter großen Druck, möglichst schnell einen Täter zu präsentieren. Es war klar, daß man zuerst im Ghetto suchte. Derjenige, der Jimmys Namen erwähnte, hatte im Gegensatz zu Jimmy ein umfangreiches Vorstrafenregister.

Jimmy hörte schnell, daß Gerüchte im Umlauf waren, die ihn mit dem Mord in Verbindung brachten. Um sie aus der Welt zu schaffen, meldete er sich in Begleitung seines Vaters und seiner Brüder bei der Mordkommission, um sich dort für eine Befragung zur Verfügung zu stellen. Die Beamten ließen ihn eine Stunde warten und schickten ihn dann nach Hause, sagten, es gäbe keine Fragen an ihn.

Am 8.11.91 wurde Charles Thompson verhaftet. Thompson war Mitglied von Jimmys Band "Sensation". Er und Jimmy hatten Streit, Charles war eifersüchtig auf Jimmy, wollte gern die Band leiten.

Nachdem man Thompson zur Sache verhört hatte, brachte man ihn zur Mordkommission. Dort wurde er an einen fest im Boden verankerten Stuhl gefesselt und stundenlang von 5 Beamten verhört. Er wurde massiv eingeschüchtert und hatte das Gefühl, man wolle ihm den Mord anhängen. Dann aber nahm das Gespräch eine Wendung, und Charles merkte, daß er seinen Hals aus der Schlinge ziehen konnte, wenn er Jimmy belastete. So sagte er aus, er hätte Jimmy bei der Probe an dem betreffenden Abend mit einer Waffe gesehen. Als Gegenleistung wurden die gegen ihn laufenden Ermittlungsverfahren fallen gelassen (bei einer Verurteilung wäre es zu einer Gefängnisstrafe gekommen – also keine Kleinigkeiten).

Alle anderen Bandmitglieder sagten aus, daß Jimmy keine Waffe hatte. Auch Charles Thompson nahm später seine Aussage zurück, erklärte, sie sei unter Zwang erfolgt.

Es gab keinerlei forensischen Beweis, der Jimmy mit der Tat in Verbindung brachte.

Es wurde keine Waffe gefunden.

Die Fingerabdrücke auf dem Knopf, der während der Tat von der Kleidung des Opfers abgerissen wurden, paßten nicht in die Version der Staatsanwaltschaft, das wurde nicht im Prozeß erwähnt. Jimmys Anwalt sagte, sie wissen, daß es nicht seine Fingerabdrücke sind, aber wen interessiert das. Jimmy antwortete, es würde ihn interessieren, schließlich seien es die Fingerabdrücke des Killers.

Jimmy sah seinen Anwalt, Lee Mandell, nur zweimal – am Tag vor dem Prozeß und im Prozeß. Der Anwalt hatte zu der Zeit die meisten anhängigen Todesstrafprozesse in Philadelphia auf seinem Tisch, war weder finanziell noch personell in der Lage, alle gebührend zu bearbeiten. Seine Verteidigungsstrategie war einzig auf das Alibi ausgerichtet. Der Staatsanwalt stellte alle Zeugen, die es bestätigten als unglaubwürdig dar und behauptete, daß Alibi sei in den letzten 24 Stunden konstruiert worden, da die Zeugen erst kurz vor ihrer Aussage durch den Verteidigungsanwalt geladen wurden. Ein weiterer Beweis dafür, daß der Staatsanwalt im Prozeß gelogen hat, denn es ist aktenkundig, daß Jimmy alle Alibizeugen noch vor der ersten Anhörung (kurz nach seiner Verhaftung) benannte.

Die Augenzeugen des Verbrechens waren sich in einem einig: Der Täter war mindestens so groß wie das Opfer (1,8 m), etwa 90 kg schwer und von sehr dunkler Hautfarbe. Im Vergleich dazu: Jimmy ist 1,65 m groß und wog damals ca. 60 kg und hat keine so dunkle Haut.

Die Zeugen berichteten später, daß die Polizei sie dazu drängte, Jimmy zu identifizieren. Einige taten es - andere nicht. Der Verteidigungsanwalt lud keinen der Augenzeugen, die Jimmy nicht identifiziert hatten...

Im Schlußplädoyer sprach der Staatsanwalt das Motiv der Tat an: "Mr. Mandell [Jimmys Anwalt] sagte, es gibt kein Motiv, weshalb muß es ein Motiv geben?" Auf diese Weise versuchte er, die Fakten zu umgehen, daß es weder ein Motiv, noch eine Waffe, noch irgendeinen Beweis für Jimmys Schuld gab.

Letzten Sommer lehnte der Oberste Gerichtshof von Pennsylvania Jimmys Berufung mit 4 : 3 Stimmen ab, d.h. drei der Obersten Richter waren der Meinung, Jimmy solle aufgrund der inkompetenten Verteidigung und schlampigen Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft einen neuen Prozeß bekommen. Es war die knappste Entscheidung seit Jahren.

Nicht nur ich, sondern Menschen überall in der Welt glauben an Jimmy. In Kanada, Deutschland, der Schweiz, Österreich,, den Niederlanden, Dänemark, Slovenien, der Türkei, Italien, Großbritannien, Spanien, Singapur kämpfen wir alle zusammen um "Gerechtigkeit für Jimmy".

Die gute Nachricht ist, daß es inzwischen gelungen ist, einen Anwalt und einen Ermittler zu verpflichten, um die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Um dieses Team zu bezahlen sind monatlich etwa 1000 DM notwendig, die durch Spenden aufgebracht werde müssen. Wenn Sie sich daran beteiligen möchten, hier das Spendenkonto: Deutsche Bank Bocholt, Kt. 308125401, BLZ 42870024, Kennwort: Petra Richters Fonds für Jimmy.