Thomas Capano

Die Geschichte des Thomas Capano liest sich anfangs wie die Verwirklichung des amerikanischen Traumes und endet mit einem Albtraum, nämlich in der Todeszelle des US-Bundesstaates Delaware. Und obwohl viele Menschen in den Todeszellen der USA sitzen, hat dieser Fall etwas ganz besonderes, etwas einzigartiges, denn Thomas Capano ist der einzige wohlhabende Mensch der in den Vereinigten Staaten auf den staatlich verordneten Tod wartet. Der heute 50 jährige Rechtsanwalt, mit der fast beispiellosen Karriere, gilt wohl als der berühmteste aller 18 Todeskandidaten in Delaware. Es ist aber auch die Geschichte, die für einen Karrieresprung des zuständigen Richters William Swain Lee sorgte. Dieser beabsichtigt bei den nächsten Wahlen als Governeur anzutreten und genießt seit dem Todesurteilsspruch aller höchstes Ansehen in dem kleinen Bundesstaat.

Thomas Capano, der älteste Sohn des Bauträgers Louis J. Capano, engagiert sich in jungen Jahren bei der katholischen Kirche in seiner Heimatstadt Wilmington. Er gilt als Musterknabe: sportlich, intelligent, charmant und hilfsbereit. Ferner akzentuiert er seine Klasse, indem er schon in jungen Jahren das Golfspielen lernt. Später wird er der absolute Football Star an der Archmere Academy- einer streng katholischen Schule. Im Jahre 1974 schließt er das Jura Studium an der Rechtsfakultät der Unversität Boston mit Auszeichnung ab. Sein Vater soll vor Rührung sogar geweint haben.

Capano geht nach seinem Abschluß nach Wilmington zurück. Dort wird er zuerst Pflichtverteidiger und später stellvertretender Staatsanwalt. Er heiratet und hat 4 Kinder. Doch Capano will höher hinaus. Er tritt der Kanzlei Morris, James, Hitchens & Williams bei. Dort spezialisiert er sich auf Eigentumsfragen und Schadensersatzansprüche. 1984 verläßt Capane diese Firma um mit seinem alten Football Kamaraden Frowley, ins Schatzamt der Stadt zu wechseln. Hier verrichtet er so gute Arbeit, daß 1990 der damalige, republikanische Governeur von Delaware Michael N. Castle, Thomas Capano, ein Mitglied der demokratischen Partei zum Rechtsberater der Stadt ernennt. Ein Vorgang der nur äußerst selten vorkommt. Er wird zur grauen Eminenz, ohne die nichts mehr läuft. Kein wichtiges Dokument geht nicht über seinen Schreibtisch, kein Gesetz wird verabschiedet ohne seinen Segen. Capano ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Irgendwann 1993 beginnt er eine Affäre mit Anne Fahey, die Privatsekretärin des dann regierenden Governeurs Carper. Ferner hat er seit 1981 eine Daueraffäre mit Deborah MacIntyre. Die Frauen wissen nichts voneinander. Besonders brisant ist, daß MacIntyre die Ex-Frau eines Kollegen ist. Ob sie sich allerdings wegen Capano hat scheiden lassen ist nicht bekannt. Es wird allerdings schwer angenommen. Die drei Frauen im Leben des Mannes, der offensichtlich etwas den Boden unter den Füßen verloren hat, zehren an seinen Nerven. Er kann sich nicht entscheiden welche er aufgeben soll. Schließlich gibt er die mit den "älteren Rechten" auf: seine Frau und die Mutter seiner Kinder. Im Januar 1995 werden beide geschieden. Capano bevorzugt die menage a trois, er liebt das Versteckspiel, er liebt es immer ein Hintertürchen zu haben.

Doch der Kontroll-Freak wird eines besseren belehrt. 2 Monate nach seiner Scheidung darf er mit ansehen, wie Fahey ihn wegen eines neuen Freundes verläßt. Damit hat Capano offensichtlich nicht gerechnet, sein Stolz, aber vor allem sein Ehrgeiz lassen dies nicht zu.

Ab diesem Zeitpunkt werden die Aussagen widersprüchlich. Denn Capano sagt, er hätte alles MacIntyre gestanden. MacIntyre bestreitet dies vehement. Tatsache ist aber, daß Fahey am 27.06.1996 spurlos verschwindet. Sie ist vorher noch mit ihm gesehen worden. Beide sollen wie ein verliebtes Paar Essen gegangen sein. Er wird zum Hauptverdächtigen, aber schließlich gibt es keine Beweise gegen ihn. Er fühlt sich sicher. Auch die Polizei hat natürlich Ehrfurcht vor ihm. Schließlich ist Capano zu diesem Zeitpunkt nicht nur ein sehr reicher Mann, er hat auch sehr einflussreiche Freunde und vor allem Brüder, die noch reicher sind als er. Die Rechnung geht auf, allerdings nur bis zu dem Tage als etwas passiert womit niemand vorher gerechnet hat. Governeur Carper scheint sehr an seiner Sekretärin gehangen zu haben. Dies ist seinem Freund Präsident Clinton auch bekannt. Denn im Frühjar 1997 bietet Clinton die Hilfe des FBI an, und Carper akzeptiert dankend. Wieder steht Capano unter Veracht, doch diesmal hat er es mit Kräften zu tun, die seine Vorstellungskraft übersteigen. Die ganze Sache wird politisch- er hat im Endeffekt den Präsidenten der Vereinigten Staaten gegen sich. Sein Leben liegt der Bundespolizei vor wie ein offenes Buch: die Geliebten, sein krankhafter Ehrgeiz und sein falscher Stolz. Jeder wird befragt, der ihm nahe steht. Im November 1997 passiert es schließlich. Seine beiden Brüder sagen gegen ihn aus. MacIntyre beschreibt ihn der Polizei als ein Monster- das Spiel ist aus! Capano wird verhaftet.

Unnötig zu erwähnen, daß der Fall als der Fall des Jahrhunderts in Delaware verhandelt wird. Es gibt nur noch ein Thema und das heißt Thomas Capano. Natürlich hat Capano sich in der Zeit nicht nur Freunde gemacht, und die, die seine Freunde waren, kennen ihn plötzlich nicht mehr. Doch er weiß auch, daß es keine Leiche gibt, keine Waffe und keinen Beweis- also setzt er alles auf die Strategie des Schweigens. Und er verliert! Vernichtende Aussagen über seinen Charakter von Mitarbeitern, angeblichen Freunden, seiner Geliebten MacIntyre und nicht zuletzt die Aussage seiner Brüder zwingen ihn die Flucht nach vorne anzutreten. Denn plötzlich macht Capano im vollgepacktem Gerichtssaal eine Aussage. Er sei mit Fahey bei sich zu Hause im Schlafzimmer gewesen und MacIntyre wäre mit einer Waffe ins Haus gestürmt. Nach einem kurzem Handgemenge habe MacIntyre die Konkurrentin kurzerhand erschossen. Daraufhin habe er die Leiche in sein Auto gepackt, wäre zu seinem Boot gefahren und habe sie dann mitten in der Nacht in den Atlantik geworfen. Die Waffe will er gleich mit entsorgt haben. Als Motiv nennt er, daß er sich selbst und schließlich auch MacIntyre zu schützen versucht habe.

Doch auch er erkennt, daß es zu spät ist. Die Aussage nutzt ihm nicht viel, ganz im Gegenteil, weil MacIntyre ihn nun auch zivilrechtlich wegen Verleumdung und übler Nachrede verklagt. Am 17. Januar 1999 bekommt er das Urteil: "Schuldig im Sinne der Anklage". Kurz darauf hört er von der Jury, sein wohl letztes Urteil: "Tod durch Giftspritze"! Faheys Leiche ist übrigens nie gefunden worden.